Kennen Sie das? Ein schöner Herbstspaziergang durch die Nußlocher Felder, die Sonne scheint, die Laune ist gut, und plötzlich erstarrt Ihr Hund in der Wiese wie ein Vorstehhund. Dann ein kurzes Schnappen, ein verdächtiges Schlucken, und Sie ahnen es: Was auch immer das war, es ist jetzt im Hund. Ob Pferdeäpfel, ein halbes Wurstbrot aus dem Graben oder etwas, das früher einmal eine Maus war: Für manche Hunde ist der Spazierweg kein Naturerlebnis, sondern ein All-you-can-eat-Buffet.
Dass Hunde fressen, was ihnen vor die Nase kommt, ist ein evolutionäres Erbe. Ihre Vorfahren waren Aasfresser und Gelegenheitsjäger, und wer nicht wusste, wann die nächste Mahlzeit kommt, tat gut daran, alles Essbare sofort zu verwerten. Unsere Hunde stammen von diesen Opportunisten ab. Zwar steht heute zuverlässig zweimal täglich ein Napf voll Futter bereit, aber das hat der Instinkt noch nicht mitbekommen. Dazu kommt, dass Hunde die Welt vor allem mit der Nase und dem Maul erkunden. Was für uns ein Griff zum Smartphone ist, ist für den Hund ein Schnuppern, Lecken und, im Zweifel, Verschlucken. Oft steckt also schlicht Neugier dahinter, manchmal auch Langeweile, gelegentlich Stress. Junge Hunde probieren ohnehin alles aus, was sich bewegt oder riecht, und auch manche Rassen gelten als besonders futterorientiert. Labradore und Beagles sind hier die Klassiker, bei denen die Liebe zum Essen quasi im Erbgut verankert ist. Bei einigen Hunden spielen zudem Futterneid aus der Welpenzeit oder ein erlerntes Verhalten eine Rolle: Wer einmal ein köstliches Stück Leberwurst am Wegesrand gefunden hat, der sucht ab sofort jeden Meter danach ab. Der Zufallstreffer wird zur Lebensaufgabe.
Ganz harmlos ist das Ganze leider nicht. Das Spektrum reicht von einem verstimmten Magen über Durchfall und Erbrechen bis hin zu echten Notfällen. Schon der Klassiker Pferdeapfel kann Parasiten übertragen, und Aas oder verdorbene Essensreste sind eine Einladung für Bakterien. Gefährlich wird es bei Giftködern, die leider immer wieder ausgelegt werden. Auch Schokolade, Weintrauben, Zwiebeln, Xylit (ein Zuckerersatz in Kaugummis und manchen Backwaren) oder Schneckenkorn sind für Hunde potenziell lebensbedrohlich. Und dann gibt es noch die Fremdkörper: Socken, Maiskolben, Steine und Tennisbälle haben schon so manchen Hund auf den Operationstisch gebracht, weil sie den Darm verstopften. Der Maiskolben ist dabei ein trauriger Dauerbrenner. Wer also einen Hund mit Hang zum Allesfressen hat, sollte die Warnzeichen kennen: anhaltendes Erbrechen, Appetitlosigkeit, aufgekrümmter Rücken, ein aufgeblähter oder schmerzempfindlicher Bauch, Apathie oder Zittern. Dann gilt: nicht abwarten, sondern sofort zum Tierarzt oder in die Tierklinik. Und bitte kein Erbrechen auf eigene Faust auslösen, mit Salzwasser oder ähnlichen Hausmitteln. Das kann mehr schaden als nützen und ist bei manchen Stoffen sogar gefährlich. Besser ist es, zuerst anzurufen und zu schildern, was der Hund vermutlich gefressen hat.
Jetzt kommt die gute Nachricht: Man kann etwas dagegen tun. Das Zauberwort heißt Training, und es braucht Geduld, Konsequenz und etwas Humor. Am Anfang steht das Abbruchsignal. Ihr Hund sollte zuverlässig lernen, dass ein bestimmtes Wort bedeutet: Lass das, jetzt sofort! Üben Sie das zunächst zuhause ohne Ablenkung. Legen Sie ein Stück Futter auf den Boden, halten Sie die Hand darüber, und sobald der Hund zurückweicht oder Sie anschaut, gibt es eine bessere Belohnung aus der anderen Hand. Dann steigern Sie die Schwierigkeit, erst im Garten, später beim Spaziergang. Wichtig ist, dass die Belohnung für den Verzicht attraktiver ist als der gefundene Schatz. Ein trockenes Leckerli konkurriert nun einmal schlecht mit einer halben Bratwurst. Hier lohnt es sich, hochwertige Belohnungen mitzunehmen, etwa kleine Käsewürfel oder Leberwurst aus der Tube. Das klingt nach Bestechung, ist aber im Hundetraining schlicht Verhandlungsgeschick.
Eng verwandt damit ist das Kommando Aus, bei dem der Hund etwas, das er bereits im Maul hat, wieder hergibt. Auch das trainiert man am besten spielerisch, etwa mit einem Spielzeug, das gegen ein Leckerli getauscht wird. Wer das Tauschprinzip einmal verinnerlicht hat, hat gute Chancen, dass der Hund im Ernstfall tatsächlich ausspuckt, statt noch schnell hinunterzuschlingen. Nie sollte man versuchen, dem Hund Beute gewaltsam aus dem Maul zu reißen. Das fördert nur das hastige Schlucken und kann im schlimmsten Fall zu Abwehrverhalten führen. Ebenfalls sehr bewährt hat sich der Rückruf. Ein Hund, der zuverlässig auf sein Rückrufsignal reagiert, kommt gar nicht erst in die Verlegenheit, die Wiese systematisch zu durchkämmen. Der Rückruf ist allerdings kein Wochenendprojekt, sondern ein dauerhaftes Training, das regelmäßig aufgefrischt werden will.
Ein weiterer Baustein ist das Anti-Giftköder-Training. Dabei lernt der Hund, fremdes Futter am Boden entweder zu ignorieren oder durch Anzeigen, etwa Stehenbleiben oder Hinlegen, zu melden. Viele Hundehalter schwören darauf, weil es nicht nur das Fressen verhindert, sondern auch ein Gefühl von Kontrolle gibt. Zu den Alltagshelfern gehören außerdem Maulkörbe. Ja, richtig gelesen: Ein gut sitzender Anti-Giftköder-Maulkorb, an den der Hund behutsam gewöhnt wurde, ist in Gegenden mit bekannten Giftködern keine Schande, sondern eine Versicherung. Ein Maulkorb ist nicht für aggressive Hunde reserviert, sondern kann schlicht Leben retten. Wichtig ist, dass der Hund darin hecheln, trinken und Leckerli annehmen kann, also ein Korbmodell mit ausreichend Platz, kein enger Stoffmaulkorb. Schleppleinen sind ein weiteres Werkzeug: Wer seinen Hund ein Stück weit führen und im Notfall abbremsen kann, hat einfach die besseren Karten. Und manchmal hilft auch eine kleine Verhaltensänderung bei uns selbst. Wer vorausschauend geht und den Weg mit den Augen scannt, kann den Leckerbissen oft schon sehen, bevor der Hund ihn riecht, und rechtzeitig die Seite wechseln oder ablenken.
Neben dem Training lohnt auch ein Blick auf die Rahmenbedingungen. Ein Hund, der sich ausgelastet fühlt, sucht seltener nach Beschäftigung am Wegesrand. Eine Runde Nasenarbeit, Suchspiele oder Fährtenarbeit kann hier Wunder wirken, denn sie gibt der Hundenase eine legale und sinnvolle Aufgabe. Und weil bei manchen Hunden Hunger oder Mangel im Spiel sein kann, ist auch ein Gespräch mit dem Tierarzt sinnvoll, wenn das Fressen von Unverdaulichem plötzlich auftritt oder extrem ausgeprägt ist. Manchmal stecken Parasiten, Verdauungsprobleme oder Nährstoffmängel dahinter, in seltenen Fällen auch das sogenannte Pica-Syndrom, also der krankhafte Drang, Nichtessbares zu fressen. Dann hilft weniger Erziehung und mehr medizinische Abklärung. Regelmäßige, bedarfsgerechte Fütterung und ein gut sättigendes Futter können ebenfalls helfen. Ein Hund, der zuhause gut versorgt ist, hat zwar noch immer Spaß am Fund, aber meist weniger Verzweiflung dabei.
Ein Wort noch zum Thema Humor: Wer einen Staubsaugerhund hat, wird zwangsläufig zum Meister der Kopfsteuerung. Man lernt, den Boden zu lesen, Wege zu variieren und in Sekundenbruchteilen zu entscheiden, ob jetzt ein Abbruchsignal, ein Leckerli oder ein beherzter Schritt nach vorne angesagt ist. Man entwickelt Reflexe, die jedem Torwart zur Ehre gereichen würden. Und man erzählt abends Geschichten, die Außenstehende ungläubig die Augenbrauen heben lassen. Das ist alles Teil des Lebens mit Hund. Wichtig ist nur, dass man den Kopf nicht in den Sand steckt, denn mit Geduld, Training und klaren Regeln lässt sich das Problem in den allermeisten Fällen deutlich entschärfen, auch wenn es manchmal einen langen Atem braucht.